Dienstag, 30. August 2011

Reisen ist nicht einfach

Ich fand Nachtzüge noch nie unangenehm. Eigentlich ist es ganz schön, sich in den Schlaf 'schaukeln' zu lassen. Aber diesmal konnte ich nicht gut schlafen. Irgendwann am Morgen früh entschied ich, die Hoffnung aufzugeben und Musik zu hören. Ich schlummerte eine lange Weile, bis ich die Idee hatte, dass ich die Landschaft sehen möchte. Es waren noch zwei weitere Frauen in meinem Schlafwagen und sie schliefen. Irgendwann zog ich mich an, ging auf die Toilette und platzierte mich schlussendlich auf dem Gang. Nicht wirklich bequem, ich wäre sehr viel lieber auf meinem Sitz gesessen, aber dort lag ja bekanntlich diese Frau.
Als Schweizerin bin ich mir gewohnt, dass die Fahrtrichtung oder zumindest die Umgebung von Zügen wechselt. Doch mein Zug in den Norden fuhr stundenlange geradeaus, ich sah höchstens 20 Häuser in drei Stunden aber dafür Wald, Wald, Wald. Einige Male fuhren wir an einem Moor vorbei und die scheinbare Wiese spiegelte im vorbeifahren die Sonne.
Als ich ankam, meinte Matilda, meine Kontaktperson und Geschichtslehrerin an der Folkhögskola, es sei ein wunderbarer Tag und ausgesprochen warm. 20°.
Mein erster Tag war nicht einfach, zumindest nicht für mich. Mir wurde die Schule gezeigt, alle sagten sehr freundlich hallo zu mir, ich bekam ein eigenes, grosszügiges Zimmer, meine Matratze ist ausgesprochen bequem. Aber ich fühlte mich so alleine, so fremd, so isoliert, niemandem konnte ich meine Wahrnehmung und Befürchtungen erzählen. Niemand ist in derselben Situation wie ich, neben den Sport-Gymnasiumschülerinnen und -schüler, die ihre Freundeskreise stark zelebrieren, sind alles Erwachsene und die drei Frauen, die im selben Gebäude wie ich wohnen, sind alle über 40. Ich fühlte mich so allein.
Ich hatte nichts zu tun am Nachmittag und niemand, mit dem ich sprechen könnte. Nach dem Essen schlief ich ein, müde von der langen Reise. Am Abend kam meine Rettung. Jeden Montag ist 'Internatsfika', ein Bettmümpfeli für alle, gemacht von jeweils vier Schülerinnen und Schüler. Diese Woche gabs 'Filmjölk'-Brot, Tomatenbrot für Glutenallergiker und Schockoladenmuffins, die ausgesprochen gut schmeckten. Und ich sollte backen helfen. Als ich die Lehrerin sah, wurde mir sofort warm ums Herz. Sie unterrichtet die OL-Sportler, selber supersportlich, etwa 25 Jahre alt und aktiv, interessiert, warmherzig und absolut sympathisch. Obwohl ich unglaublich müde war, genoss ich den Abend.
Heute Morgen startete ich im Schwedisch-Kurs für Immigranten. Sechs Eritreerinnen und Eritreer, ein Äthiopier, zwei Thailänderinnen und ich.
Beim Mittagessen sass ich mit einigen Frauen, die auch im Internat wohnen, aber nicht im selben Gebäude wie ich. Eine von ihnen, Marie, ist 24 Jahre jung und hat mir sofort angeboten, meine Kontaktperson zu sein, sie hat das schon letztes Jahr auf Matildas Wunsch hin getan. Ich habe mich sehr gefreut und nach ihrem Unterricht gingen wir zusammen zu den Läden und versuchten ein Konto zu eröffnen, was sich als sehr schwierig herausstellte, weil ich keine 'Personennummer' habe. Diese bekommt man erst, wenn man über ein Jahr in Schweden lebt. Keine Chance also. Ich hoffe sehr, dass sich da eine Lösung finden lässt.

Im kleinen Älvsbyn findet sich alles, was man braucht. Die Auswahl ist zwar begrenzt, aber man findet eine Apotheke, zwei Banken, einen Kleiderladen, einen Sportladen, einen Dekorationsladen, eine Bibliothek und ein Trainingscenter. Ich kann also überleben hier. Morgen, Mittwoch, geht die ganze Schule auf einen Ausflug nach Luleå, der nächstgrössten Stadt. Der Ausflug dauert zwar nur fünf Stunden und zwei davon werden wir im Bus verbringen, aber ich bin gespannt auf die Stadt und dankbar für die Abwechslung.

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